
Es fällt mir unendlich schwer, diese Zeilen zu schreiben. Denn mit jedem Wort, welches ich traurig auf dieses kalte Weiß tippe, wird etwas real, was wir selbst nur schwer begreifen wollen. Vincent ist nicht mehr da. Nach längerer, schwerer Krankheit ist er am 17. Mai 2026 von uns gegangen.
Viele kannten Vincent Heiland durch unser gemeinsames Reisefestival Lichtbildarena und die Vorträge, welche in unserer damaligen Partnerschaft entstanden. Sie kannten seine humorvolle Art, seinen Abenteuermut und auch seine gewisse Nonchalance. Denn Vincent umgab immer eine spezielle Leichtigkeit, eine Unaufgeregtheit, die seinem Leben eine Basis gab. Er packte so manche (rückblickend recht verrückte) Idee in eine selbstverständliche Lockerheit, die allen um ihn herum Vertrauen schenkte. Letztlich kann man sagen, dass dies seine besondere Zauberkraft war.
Bevor Vincent seinen Weg als Reisejournalist und Lichtbildarena-Organisator fand, machte er eine Tischlerausbildung am Weimarer Nationaltheater – mitten in der Wendezeit. Später baute er keine Möbel mehr, sondern Geschichten, Bilder und Begegnungen. Doch diese Bodenständigkeit, dieses handwerkliche Arbeiten, blieb immer ein Teil von ihm. Die Freude, etwas mit eigenen Händen entstehen zu lassen, die Arbeit mit Holz und seine Naturverbundenheit ließen ihn inmitten der Coronakrise zu diesen Wurzeln zurückkehren. Er gründete seinen kleinen Handwerksbetrieb „Wurmstich“, wo er scheinbar wertlosem, wurmgeschädigtem Totholz neues Leben einhauchte. Und auch das war eine von Vincents besonderen Eigenschaften: Was andere als beschädigt ansahen, erkannte er als etwas mit Geschichte, Charakter und Schönheit.
Neben dieser eher bodenständen Seite gab es in ihm immer auch den Wunsch, unterwegs zu sein. Erst Schaffner, dann Fernfahrer: Schon als Junge schien Vincent zu ahnen, dass sein Leben nie an einem Ort bleiben würde. Die Welt, in die er 1971 in Weimar hineingeboren wurde, war zunächst begrenzt. Doch gemeinsam mit seinen Eltern bereiste er die Länder Osteuropas, sog Eindrücke auf, sammelte Bilder im Kopf, lange bevor er sie mit der Kamera festhielt. Später kamen die ersten eigenen Fahrrad- und Faltbootreisen hinzu, dann die Aufbruchsjahre nach der Wende, in denen plötzlich Wege offenstanden, die zuvor unvorstellbar gewesen waren. Für uns beide unvergesslich 1998/99 die gemeinsame Radreise von Jena nach Jemen mit vollbepackten Rädern über ein Jahr unterwegs. Diese Reise veränderte uns beide – sie war der Einstieg in unser Leben als Reisejournalisten und der Funke, aus dem später die Lichtbildarena entstand.
Vincent gehörte nie zu den Menschen, die laut erklärten, wer sie sind. Er erzählte lieber Geschichten, stellte Fragen, hörte zu. Reisen war für ihn nie bloß Bewegung durch Länder, sondern eine Haltung gegenüber dem Leben: neugierig bleiben, offen sein, dem Zufall vertrauen. Vielleicht fühlten sich deshalb so viele Menschen in seiner Nähe aufgehoben. Er hatte die seltene Gabe, Fernweh und Vertrautheit gleichzeitig entstehen zu lassen.
Mit den Vorträgen, den Reisen und schließlich der Lichtbildarena schuf Vincent nicht nur Veranstaltungen, sondern Räume der Begegnung. Orte, an denen Menschen für einen Abend die Welt größer denken konnten. Dass daraus über viele Jahre eine starke Gemeinschaft entstand, trägt unverkennbar auch seine Handschrift.
Am wichtigsten aber war Vincent die Rolle, die oft im Hintergrund blieb: die des Vaters. Mit Saba Luna und Lola hinterlässt er zwei Töchter, die sein Leben tief geprägt haben und auf die er mit stiller, selbstverständlicher Liebe blickte. Vieles von dem, was ihn ausmachte – seine Neugier auf die Welt, seine Wärme, sein Humor und diese besondere Freiheit im Denken – gab er an sie weiter. Er lebte ihnen stets vor, dass man den eigenen Weg mit Offenheit, Mut und Menschlichkeit gehen kann. Seine Töchter waren für ihn sein eigentliches Zuhause.
Nun bleibt die Stille nach einem Menschen, der so viel Bewegung in die Welt gebracht hat. Und dennoch ist da weiterhin etwas von ihm spürbar: in Geschichten, die weitererzählt werden, in Bildern, die bleiben, in Holz, das durch seine Hände ein zweites Leben bekam, und in der Erinnerung an einen Menschen, der anderen Mut machte, loszugehen – oft weiter, als sie es sich selbst zugetraut hätten.
